CRA-Systemintegrator
Bei solchen Anlagen liegt für den Systemintegrator heute das größte CRA-/Haftungsrisiko weniger im einzelnen Controller selbst, sondern im gemeinsam genutzten IP-Netzwerk.
Genau dort verschwimmen die Verantwortlichkeiten zwischen:
- Hersteller
- Systemintegrator
- IT-Abteilung des Kunden
- Betreiber
Bei Gebäudeautomation mit BACnet/IP, Modbus TCP, KNX IP, OPC UA, MQTT usw. sollte der Integrator heute vor allem folgende Punkte beachten:
1. Klare Netztrennung
Das wichtigste Thema überhaupt.
Die Gebäudeautomation sollte niemals einfach im normalen Kundennetz hängen.
Mindestens:
- eigenes VLAN
- eigene Firewall-Zonen
- definierte Routing-Regeln
- getrennte Management-Netze
Typische Struktur
- Office IT
- Firewall
- BMS VLAN, CCTV VLAN, OT VLAN, etc.
Besonders Kritisch:
- Drucker
- WLAN-Clients
- Gäste-Netze
- IoT-Geräte des Kunden
- Smart-TVs
- unmanaged Switches
Diese Geräte sind oft Einfallstore.
2. „Shared Responsibility“ schriftlich festhalten
Der Integrator sollte dokumentieren:
Was in seiner Verantwortung liegt, z.B.:
- Controller
- Automation
- Switch-Konfiguration
- Firewall-Regeln
- VPN-Zugang
- Hardening der gelieferten Systeme
Was nicht, z.B.:
- Kundengeräte
- Office-IT
- Active Directory
- Kundenswitches
- WLAN
- Internetanschluss
Sonst folgt später: „Die Gebäudeautomation wurde kompromittiert — der Integrator ist schuld.“
3. Keine unkontrollierten Fremdgeräte im OT-Netz
Ein riesiges Problem in Gebäuden.
Kunden hängen oft spontan hinein:
- PCs
- Access Points
- NAS
- Smart-Geräte
- Kameras
- Wartungslaptops
Empfehlung:
- NAC / Port Security
- dokumentierte Freigaben
- dedizierte Serviceports
- DHCP-Reservierungen
- MAC-Whitelisting bei kritischen Bereichen
4. Fernwartung absichern
Viele Integratoren verwenden leider noch:
- Port Forwardings
- offene VPNS
- TeamViewer
- AnyDesk
- statische Passwörter
Heute Minimum:
- MFA
- VPN mit Zertifikaten
- rollenbasierter Zugriff
- Logging
- zeitlich begrenzte Zugänge
- getrennte Servicaccounts
Keine direkte Exponierung ins Internet von:
- BACnet/IP
- Modbus TCP
- KNX IP
- Webinterfaces
- MQTT Broker
5. IP-Adressierung sauber planen
Oft unterschätzt, Probleme enstehen durch:
- überlappende Subnetze
- DHCP-Chaos
- Broadcast-Stürme
- Multicast-Probleme (BACnet)
- schlecht segmentierte Layer-2-Netze
Empfehlung:
- feste IP-Bereiche
- dokumentierte VLANs
- klare Naming-Konventionen
- separates Management-Netz
- begrenzte Broadcast-Domänen
BACnet/IP ist dabei besonders kritisch wegen Broadcast-Discovery.
6. Minimalprinzip bei Netzwerkfreigaben
Nur notwendige Kommunikation erlauben.
Quelle | Ziel | Port |
|---|---|---|
BMS Server | Controller | BACnet |
Engineering PC | PLC | HTTPS |
Historian | MQTT Broker | 1883/8883 |
Alles andere blockieren.
7. Security-Dokumentation erstellen
Heute fast immer Pflicht.
Der Integrator sollte dem Kunden übergeben:
- Netzplan
- VLAN-Konzept
- Firewall-Matrix
- IP-Liste
- offene Ports
- Fernwartungskonzept
- Passwort-/Zertifikatsprozess
- Backup-/Restore-Prozess
Sonst kann später niemand mehr nachvollziehen: „Wer durfte eigentlich wohin kommunizieren?“
8. Lifecycle und Updates klären
Gebäude laufen oft 15–25 Jahre.
Aber:
- Switches altern
- Zertifikate laufen ab
- Linux-Systeme werden unsicher
- Controller verlieren Support
Deshalb wichtig:
- definierte Updatezyklen
- Support-Ende dokumentieren
- Ersatzteilstrategie
- Firmwaremanagement
9. OT ≠ klassische IT
Ein häufiger Fehler: IT-Abteilungen behandeln Gebäudeautomation wie Office-IT.
Aber OT hat Besonderheiten:
- Echtzeit
- Broadcaast-Protokolle
- hohe Verfügbarkeitsanforderungen
- alte Geräte
- proprietäre Kommunikation
Deshalb müssen IT-Security-Maßnahmen OT-tauglich sein.
z.B: Ein aggressiver Virenscanner kann BACnet-Gateways lahmlegen.
10. Größtes aktuelles Risiko: Laterale Bewegung
Der häufigste reale Angriffspfad heute:
- Office-PC kompromittiert
- Zugang ins gemeinsame Netz
- Gebäudeautomation erreichbar
- HVAC / Zutritt / Energie betroffen
Deshalb ist Segmentierung heute das zentrale Thema.
Praktisch sinnvoller Mindeststandard 2025/2026
Für moderne Gebäudeautomation sollte ein Integrator mindestens liefern:
- VLAN-Trennung
- Firewall zwischen IT und OT
- VPN mit MFA
- dokumentierte IP-Struktur
- deaktivierte Default-Accounts
- Passwortkonzept
- Backup-Konzept
- Updateprozess
- Netzplandokumentation
- Rollen-/Rechtekonzept
Der entscheidende CRA-Punkt
Der CRA verlangt zwar primär sichere Produkte.
Aber für Integratoren entsteht die Haftung zunehmend daraus, dass sie:
- unsichere Gesamtsysteme bauen
- unsichere Default-Konfigurationen liefern
- fehlende Segmentierung akzeptieren
- bekannte Risiken nicht dokumentieren
Das wird künftig bei Ausschreibungen, Versicherungen und Forensik immer wichtiger.
